99 Luftballons…

Das ist die HöheEs ist Samstagmorgen, 08.11.2014, gerade recht zur Marktzeit, schönes, windstilles Wetter. Der Markt findet gerade im Kocherquartier auf dem Dietrich-Bonhoeffer-Platz statt, die Marktstraße ist derzeit eine Baustelle. Beste Voraussetzungen also, um auf der gegenüberliegenden Weilerwiese das Ärztehaus und seinen Zwillingsbau zum allerersten Mal in den Himmel ragen zu lassen. Und zwar mit Hilfe von 99 Luftballons (ja wirklich – einer von den hundert ist geplatzt!), die die 4 Ecken der Gebäude sowie den Höhenversatz an den Längsseiten simulieren. Mit Geschenkband werden sie an die Sträucher der abgeholzten Parkplatzbepflanzung angebunden. Der Parkplatz Weilerwiese ist überraschend wellig in seinem Geländeprofil, daher wird jede Schnur auf die exakte Länge vorbereitet. Die geplanten Gebäude sollen ihr Erdgeschossniveau auf gleicher Höhe wie der Eingang des Solebades bekommen, mithin 1,40m über dem Niveau der jetzigen Stellplätze. So werden die Schnüre zum Teil 16m lang (oder hoch…). Über 250m Geschenkband werden gebraucht, und Ballongas im Wert von 80,-€, das privat bezahlt wird.
Der Zwillingsbau wird rund 4m seitlich verschoben, damit die Schnüre nicht den Verkehr auf dem Parkplatz behindern. Die Wirkung der Installation schränkt das jedoch keineswegs ein. Denn die Gebäude sind groß: 14,5m hoch, 58m lang und 25m breit. Der Hof dazwischen ist jetzt halt 29 statt 25m breit.

Um 8:30h strecken sich alle Luftballon-Hausecken hoch in die Luft. Vor allem zu Beginn stehen sie kerzengerade, es gibt kaum Wind. Die Reaktionen der Passanten sind praktisch alle gleich: Die Allermeisten wissen sofort, um was es sich hier handelt. Und alle sind doch sehr beeindruckt und erschrocken ob der Höhe und der Massivität der Bebauung. In der Realität sind die Luftballons bzw. die Gebäudekanten klar zu erkennen, auf den Fotos ist das nicht annähernd so gut wahrnehmbar. Geradezu bedrohlich wirken die Vorderfronten der Häuser, denn sie kommen dem Kocherufer (und auch der anderen Uferseite!) doch sehr nahe – eine Ecke des Ärztehauses steht direkt auf dem Randstein des Kocheruferwegs! Es fällt auf, wie gut sich das Hotel Hohenlohe und das vorgelagerte Solebad durch die Staffelung der Geschosse an die Johanniterstraße und den dahinter liegenden hohen Rippberg „anschmiegen“. Dagegen wirken die geplanten Neubauten geradezu arrogant. Viele Passanten und Marktgänger können es gar nicht glauben, dass die Gebäude mit dem höheren Teil nach vorne geplant sind.
Apropos Hotel Hohenlohe und Solebad: Jahrelang haben die Betreiber mit der Stadtverwaltung und dem Denkmalschutz darum gekämpft, die jetzige Größe bauen zu dürfen. Sogar ein Architektenwettbewerb musste dafür ausgelobt werden. Die Weilerwiese war und ist dabei immer Bauverbotszone gewesen, auch von Seiten der Denkmalpflege. Die Ansicht auf die Stadtsilhouette vor allem von der Johanniterstraße aus sollte für durchfahrende Auswärtige nicht verbaut werden.

Das alles ist jetzt wohl nicht mehr ganz so wichtig, wie es scheint. Der städtebauliche Ansatz ist wohl alleine aus einem einzigen Umstand abzuleiten: um die Tiefgarage noch einigermaßen wirtschaftlich bauen zu können, muss man sie bei Hochwasser am Aufschwimmen hindern. Am besten geht das mit Ballast. Und der Ballast steht am besten mittendrauf. Also steht ein Ärztehaus mitten auf der Weilerwiese, ein Zwillingsgebäude ebenso, und wenn man die TG schon bis unter den „Sportpark“ ausdehnt, dann sollte/könnte man stattdessen doch auch noch dort ein drittes Gebäude…?
Weiß man eigentlich, wieviel die Tiefgarage OHNE die darauf abgestellten Gebäude kosten würde? Ohne diesen Ballast? Und weiß man eigentlich, ob sich der angeblich ja nur zeitlich verschobene Sportpark schallimmissionstechnisch mit dem Zwillingsbau verträgt? Und hat man eigentlich wie einst für den Sport- und Freizeitpark auch für das Zwillingsgebäude schon errechnet, was jener Schall für die Wohnbebauung am Rippberg bedeutet, der von der Johanniterstraße aus künftig an dessen Fassade reflektiert?

Bei alldem möchte man dazwischenrufen: Habt Ihr bedacht, dass man im Städtebau Fakten schafft, die 50, 100 Jahre Bestand haben? Seid Ihr Euch sicher, dass kurzfristige wirtschaftliche Interessen von Ärzten oder Erbauern von Tiefgaragen die richtigen (und alleinigen) Parameter sind, eine Bebauung der Weilerwiese zu befürworten?
Die gleiche Frage, nur anders gestellt: Wer möchte sich heute noch vorstellen, dass sich Großbetriebe wie das alte Gefängnis oder die Grossag in die Altstadt drängen? Sicher, dass wir gerade nicht über das Gleiche reden?

 

Über Sven Haustein 33 Artikel
selbständiger freier Architekt in Schwäbisch Hall, vielseitig ehrenamtlich engagiert z.B. beim gemeinschafltichen Bauen in Schwäbisch Hall, bei Hall Aktiv, im Carsharing-Verein "teilAuto Hall e.V.", Haus & Grund, der Architektenkammergruppe und dem Bürgerforum.

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