Das Bessere ist der Feind des Guten.

Visualisierung des Entwurfs der Stadtplanung. Vom Steinernen Steg aus gesehen.

Der Fachbeirat stellt im BPA seine Schlußfolgerungen zu den Globe-Entwürfen vor.

Montag, 01.02.2016, Blendstatthalle, Bau- und Planungsausschusssitzung. Erster Tagesordnungspunkt ist das Resümée der 3 Fachbeiräte, die von der Stadt beauftragt wurden, die 4 überarbeiteten Entwurfsvorschläge zur Zukunft des Globe-Theaters – oder dessen Nachfolgebau – zu begutachten.
Ich will es kurz machen: Die Vorschläge der Planungsbüros Beck/Hauenstein („Globe 2.0“) und Schuch („Brückentheater“) sind aufgrund ihrer Größe und der damit verbundenen städtebaulichen Unverträglichkeit durchgefallen.

Klarer Sieger

Wenig überraschend dürfte sein, dass vor allem hinsichtlich Kubatur, städtebaulicher Anordnung und innerer Funktionalität der Entwurf der Stadtverwaltung (ehem. Hüls-Entwurf) zum erklärten Favoriten des Gremiums gekürt wurde. Deutliche Kritik wurde allerdings an der vorgeschlagenen Natursteinfassade geübt, die in Blickrichtung des Platzes auf dem Unterwöhrd und des Haalplatzes eine viel zu massive Gebäudewirkung erzielt. Assoziationen von „Bankgebäude“ oder „Burg“ wurden geäußert. Wir haben ja in unserem Beitrag zum Vorstellungstermin der Entwürfe auch schon eine wenig schmeichelhafte Assoziation erwähnt.
In der Tat kann man sich dem Votum der Jury durchaus anschließen. Wenn man rein gestalterisch-funktionale Maßstäbe anlegt, ist dieser Entwurf – wenn man ihm denn noch eine zum landschaftlich geprägten Bauort Unterwöhrd passende Fassade angedeihen lässt – wirklich der Beste dessen, was zur Wahl stand.

Ein wirklich klar geschlagener Zweiter?

Das Gute, was dem besseren Feind in der Überschrift unterliegt, ist hier der Vorschlag des Bestandserhalts einschl. Erweiterungsbau. Indes: Die Kritik der Jury an diesem Entwurf erscheint an diesem Abend sehr einseitig, wenn nicht gar tendenziös. Die Rhetorik der Juroren zum Bestandsentwurf wirkt doch auffallend wie das, was von Auftraggeberseite gerne gehört werden will. Dass die Stadtspitze den Neubau befördern will, ist kein Geheimnis. Und sicher ist es auch ein Allgemeinplatz der Lebenserfahrung, dass Bauen im Bestand in aller Regel auch mit manchmal uneinschätzbaren (Kosten-)Risiken einhergeht. Von der Ferne winken Herzog und de Meuron vom Dach der Elbphilharmonie…
Nur stehen die Dinge am Ufer des Kochers doch deutlich anders als an der Kaimauer der Elbe: Jene Architekten, die vor 15 Jahren das Globe-Theater geplant und realisiert haben, es vom Scheitel bis zur (Gründungs-)Sohle bestens kennen, setzen sich mit jenem Brandschutzgutachter zusammen, der von der Stadt zur Beurteilung eingesetzt wurde, und erarbeiten eine Punkt-für-Punkt-Matrix als Anforderungskatalog für die Ertüchtigung des Bestandsgebäudes, und sie hinterlegen die Einzelpunkte mit Lösungen UND Kosten. Das stellt eine Bearbeitungstiefe dar, die kein anderer Entwurfsvorschlag vorweisen kann.
Ähnlich verhält es sich mit den kritisierten Sichtproblemen durch die Stützen: Der Entwurf geht von einer Verringerung der Sitzplätze aus (was von den Juroren als Nachteil formuliert wurde, aber ziemlich genau auf die geforderten 400 Plätze hinausläuft!). Unter anderem wurden die wenigen, wirklich kritischen Sitzplätze hinter den Stützen aussortiert. Warum kein schwarzer Bühnenboden gehen soll, wird auch nicht klar, immerhin ist ein neuer Boden in den Kosten sogar beziffert. Die brandschutztechnische Ertüchtigung wird sich auch nicht in der angedeutet dramatischen Weise auf den Innenraum auswirken: Von der Unterseite her werden die Ränge mit Platten beplankt, die vielseitig gestaltbar sind. Und wenn man keine verglasten Brüstungen will (warum eigentlich nicht?!), dann tauscht man die vorhandenen verzinkten Geländer dann eben durch filigranere Versionen ihrer Sorte; wenn sie nicht mehr demontierbar sein müssen, können sie ja enger befestigt und damit schlanker werden.
Die Kritik an der Ausformung des Anbaus ist zumindest in funktioneller Hinsicht nachvollziehbar. Dass man die Toiletten vielleicht innerhalb des Anbaus anders anordnen könnte, oder dass man von Nutzerseite den direkten Anbau von Nebenbühne und Nutzräumen vorziehen würde gegenüber der architektonischen Geste der Fuge zwischen Altbau und Anbau – nachvollziehbar. Aber auch änderbar! Schließlich handelt es sich – wie bei allen Entwurfsvorschlägen – um Konzepte, nicht um fertige Lösungen. Hier drängt sich der Wunsch auf, die Juroren hätten statt der Kür von Gewinnern und Verlierern mehr Wert auf eine Vorteil-Nachteil-Analyse der einzelnen Vorschläge gelegt.

Noch einmal zurück zum überstrapazierten Kostenrisiko-Vorwurf für die Bestandslösung: Da statisch v.a. im Gründungsbereich alles bleibt wie es ist – daran ändert auch die zusätzliche Dachverglasung und die leichte, nicht unterkellerte Anbaugeometrie nichts – ist das größte Kostenrisiko aller Vorschläge bei der Bestandslösung elegant umschifft: Kein Kelleraushub. Keine archäologischen (Neu-)Funde. Kein Aufschwemmrisiko beim Jahrhunderthochwasser – im Gegenteil, das (dann nicht mehr funktionell genutzte) Kellergeschoss der alten Konzertmuschel könnte mit Überdruckventilen bestückt geflutet werden und für zusätzlichen Ballast sorgen. Das dürfte beim Neubaukeller mit WCs und Kulissenlager keine Option sein.

Die lieben Kosten. Bitte entscheidend Sie jetzt!

Unser Zwischenfazit fällt in der Betonung anders aus, als das der Juroren.
Unzweifelhaft ist die Ertüchtigung des Bestands-Globes mit Kompromissen bei der Nutzung einhergehend, die ein Neubau naturgemäß leichter vermeiden kann. Entscheidet man von finanziellen Konsequenzen frei, ist im direkten Vergleich ein Neubau im Vorteil. Aber es stehen ja Kostenschätzungen im Raum, die – anders als vom Gremium dargestellt – das höhere Kostenrisiko eher beim Neubau erwarten lassen als beim Altbauvorschlag. Neben dem Gründungsrisiko ist hier unbedingt auch noch die Bauabwicklung zu nennen. Kann man wirklich allen Aushub, und alle Baustoffe durch die Haalstraße, über den Steinernen Steg und rauswärts über die Schwatzbühlgasse führen? Oder kommt die Lindachbrücke dafür dann nicht doch? Was ist teurer? Die Brücke oder der Mehraufwand, wenn man die o.g. Baustellenbeschickung mit kleineren Fahrzeugen bedenkt? Ist das in den genannten Kosten schon entsprechend berücksichtigt?
Den Bestandsbewahrern und ihrem Konzept wird man aber nicht gerecht, wenn man nur das Theatergebäude auf dem Unterwöhrd betrachtet. Auch dann nicht, wenn man darauf verweist, dass nur ein Drittel der geschätzten Bausumme eines Neubaus angesetzt wird. Man muss für die Entscheidung immer auch den Blick hinauf zum Neubausaal wenden. Dieser wird – so oder so – mittelfristig weitere Millionen Instandsetzungsaufwand einfordern, ganz egal, wie viele Mittel man aktuell in den Doppelhaushalt für das Globe einstellte. Und auch die Weigerung des Noch-Intendanten Biermeier zum Weiterbetrieb des bestehenden Globes beachtet nicht hinreichend, dass man mit der Gesamtsumme der eingeplanten Haushaltsmittel auch schon sehr viel im Neubausaal ZUSÄTZLICH anfangen könnte. Selbst eine (zu unterstellende) höhere Gesamtsumme von Globe-Ertüchtigung und Neubausaal-Umbau könnte im Sinne der Haushaltsdisziplin immer noch ein sinnvolles Ergebnis sein. Denn die Unterhaltskosten beim ertüchtigten Globe würden sich sicher gegenüber jetzt kaum erhöhen, im Gegensatz zum Ersatz-Neubau. Und die Unterhaltskosten im Neubausaal würden gegenüber jetzt eher sinken.

Wer FÜR den Neubau auf dem Unterwöhrd stimmt – Gründe dafür gibt es in jedem Fall – der muss dies aber mit klaren, nachvollziehbaren Antworten auf die folgenden Fragen verknüpfen:

  • Was passiert wann und für wie viel zusätzliches Geld mit dem Neubausaal?
  • Braucht man eine (Bau-)Brücke für den Theaterneubau?
  • Ist diese einkalkuliert, oder wahlweise dazu der erhöhte Aufwand der Baustellenlogistik?
  • Ist das Gründungsrisiko des Neubaus einschl. Keller ausreichend erfasst?
  • Welche Betriebskosten entstehen durch den Neubau UND den Neubausaal, wieviel davon wird durch einen konkreten Betriebsplan davon wieder eingespielt?
  • Wie sieht die Fassade des Theaterneubaus aus?
  • Lässt sich mit dem Neubau Einverständnis mit der Denkmalpflege erzielen?
Über Sven Haustein 33 Artikel
selbständiger freier Architekt in Schwäbisch Hall, vielseitig ehrenamtlich engagiert z.B. beim gemeinschafltichen Bauen in Schwäbisch Hall, bei Hall Aktiv, im Carsharing-Verein "teilAuto Hall e.V.", Haus & Grund, der Architektenkammergruppe und dem Bürgerforum.

3 Kommentare

  1. Eine gründliche und ausgewogene Kritik der Entscheidung des Fachbeirats zur Beurteilung der eingereichten Pläne für das Globe.

    Dass der OB und ein Großteil der Gemeineräte einen Neubau wünschen, ist seit langem bekannt. Aber wünschen kann man sich zwar viel, doch schon bei der Frage der Sinnhaftigkeit des Gewünschten, sollte dann spätestens eine Abwägung zwischen Wunsch, Bedarf, Machbarkeit und Kosten erfolgen.

    Man muss Sven Haustein dankbar sein, dass er zu dieser Abwägung erheblich beigetragen hat.
    Erstaunlicher Weise scheinen ja die sonst so oft im Vordergrund stehenden Kostenfragen bei dem angestrebten Neubau nicht sonderlich zu interessieren.
    Ich will aber genau dazu noch ein Argument FÜR den Erhalt des Globs nennen, das ich schon in einem Leserbrief erwähnte:
    Ein Upgrade des bestehenden Globs ginge OHNE Verlust einer Spielzeit von Statten. Dieser Zeitgewinn schlägt sich natürlich auch in barem Geld nieder.

    • Dazu fällt mir gerade noch ein: Vielleicht ist genau DAS der Teil, bei dem man den baldigen neuen Intendanten einbeziehen sollte. Nicht bei der Frage der Ausgestaltung der Architektur, sondern zur Frage: Lieber ein Theaterneubau mit mind. einjähriger Spielzeitunterbrechung der 2. Spielstätte? Oder ein mit funktionell-dramaturgischen Einschränkungen behaftetes Sommertheater in Form des erneuerten Globes, zusätzlich aber ein um viele Optionen bereicherter Neubausaal?
      Wer anderes als der Intendant sollte darauf denn eine profunde Antwort geben?

  2. Sven, Danke für die umfassende Analyse der aktuellen Globe-Alternativen, die den „Ruf nach Neubau“ weitreichend relativiert.
    Ich denke, man muss den Erhalt von Globe bei gleichzeitiger Sanierung des Neubausaals unterstützen; einmal wegen der abwägbaren Baukosten, vor allem aber auch, weil er eine Verbauung des Unterwöhrd mit anvisierter Lindachbrücke, Zufahrts- oder sogar Durchfahrtsstraßen zum Haalplatz verhindert. Eine Neubaumaßnahme wie die des vorliegenden Koch-Entwurfs mit den zu erwartenden „Bau-, Bereitstellungs- und Transportsachzwängen“ ist sicher nicht ohne massive Eingriffe in den dortigen Uferbereich des Kocher und in den wertvollen Baumbestand des Unterwöhrd zu bewerkstelligen. Deshalb muss meiner Meinung nach auch weiterhin gelten: „Hände weg vom Unterwöhrd!“

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