DIE BEFANGENHEIT ALS PRAKTIZIERTE UNBEFANGENHEIT

„Theater ums Theater“ – oder „Die Befangenheit als praktitizierte Unbefangenheit“
Wer am 8.2. in der Gemeinderatsitzung nach dem Punkt „GWG“ (MSP-Deal), der allein schon „starker Tobak“ war, den Punkt „Zuschusserhöhung“ für das „Neue Globe“ mitangehört hat, konnte nur noch den Kopf schütteln über die Dreistigkeit, mit der auch in Sachen Thaterneubau der sichtlich befangene OB agierte. Auf seiner „verzweifelten Suche nach neuem Vertrauen“ im Gemeinderat beantragte er für „seinen“ Theaterneubau bei Mehrkosten von 2,3 Mio € einen Zuschuss von 1,5 Millionen € aus Steuermitteln (Haushalt 18/19). Sogenannte Infrastrukturausgaben seien nötig und man sei theatermäßig damit auch „auf dem neuesten Stand“. Aber hätte man das und anderes nicht schon früher planen und einbringen müssen – vor dem Neubau-Beschluss? UNd als im Gemeinderat mehrheitlich eine Kostenbegrenzung eingefordert wurde, wurde gemahnt: Angeblich stehe man noch zusätzlich  bei den Bauaufträgen unter  Zeitdruck; die Baukosten könnten bei Verzögerungen nicht gehalten werden. Mit dem Bau der „Furt plus Baustraße“ – sinnigerweise ganz nah zwischen zwei Kinderspielplätzen hindurch – müsse man ganz schnell beginnen; wegen der Fischlaichzeitbegrenzung. Auch das wusste man schon vorher. Außerdem spielt man herunter:  Ein Theater für vermutete 7,5 Millionen € sei schließlich noch ein „kleines Projekt“. Und: Die Ausgaben kämen ja schließlich der Allgemeinheit zugute. Wie das denn ? Offensichtlich soll sich der Gemeinderat in gewohnter Manier den Sachzwängen fügen und die Pelgrim’sche Salamitaktik wieder einmal hinnehmen. Einige Gemeinderatsstimmen gingen schon in diese Richtung; man vertraut und vertraut und vertraut.

Im Verlauf der Beratung hatten jedoch Teile des Gemeinderats geäußert, dass es eine Vielzahl offener Fragen gibt: Tatsächliche Entwicklung der Baukosten, Gesamtfinanzierung des Projekts einschließlich Sponsoring, Bürgschaftsbereitschaft der Stadt, Betriebskonzept des Theaters, Summe der jährlichen Zuschüsse von Seiten der Stadt, Ausgleichskapazitäten bei Defiziten und laufende Kosten für den Ganzjahresbetrieb. Hier sind wohl vom Theaterverein von vornherein nicht die Karten offen auf den Tisch gelegt worden. Sicher will Pelgrim in seiner Rolle als Bauherr nach dem Vorbild Stuttgart 21 erst mal „vollendete Tatsachen“ schaffen lassen. Baubürgermeister Klink und Hochbauamtschef Koch konnten einem leid tun in ihrem Bemühen, Sachzwänge zu erläutern und um den „Brei“ herumzureden. Wird nicht so versucht den ohnehin konfliktscheuen Gemeinderat zusätzlich weichzuklopfen ?

Mehr Vertrauen in der Öffentlichkeit wäre sicher geschaffen, wenn die Theater-Planung jetzt konsequent zurückgestellt würde, bis gesicherte Daten vorliegen, auch wenn es die Spielzeit 18/19 „kostet“. So könnte selbst OB Pelgrim Punkte machen in Sachen Glaubwürdigkeit und Unbefangenheit. Dazu kommt, dass sich mit dem Zelttheater Compostelli ohnehin eine günstige Möglichkeit bietet, vorerst ein attraktives Angebot in zweiter Spielstätte zu präsentieren. Oder noch besser: Planung eines hölzernen Nachbaus des „Alten Globe“ als Sommertheater. Dann sind vielleicht weiterhin bürgernahe Eintrittspreise und interessante  Aufführungen wie auch ein authentisches Shakespeare-Theater möglich. Andernfalls tritt vielleicht der Fall ein, dass man im Winter 18/19 von November bis Februar für ein „Wintertheater im Steinbau“ enormen Aufwand und hohe Betriebskosten aufwenden muss, um einen ganzjährigen Theaterbetrieb aufrecht zu erhalten, ganz abgesehen von eventuell geringer Kartennachfrage. Die Mittel für eigentliche Theaterqualität würden auf die Dauer knapp. Das „Neue Globe“ – übrigens ein absolut abwegiger Name – scheint meiner Meinung nach eine Nummer zu groß zu sein für einen Theaterverein, der nur ganze 20 Mitglieder hat, aber großartig aufzutrumpfen versucht. Shakespeare würde sich bei solcher Art überheblicher Kultur-Vermarktung mit Gewinncharakter sicher im Grabe rumdrehen.

Dem Gemeinderat und der Verwaltung möchte ich vorschlagen, wenn schon nicht die generelle Beschränkung auf ein Sommer-Theater im Zirkus Compostelli gewünscht sein wird, auf dem noch vorhandenen Globe-Sockel einen verbesserten hölzernen Nachbau des „Alten Globe“ zu errichten, nach Vorstellungen der bewährten Haller Architektengruppe; mit einem attraktiven Anbau (z.B. die bereits angedachte „Schachtelkonstruktion“). Davon hätten alle was: Der Unterwöhrd bliebe unangetastet, die Baukosten reduzierten sich auf ein gut planbares Maß, der Neubausaal als zentraler Veranstaltungsort könnte mit freigewordenen Geldern zweckmäßig hergerichtet werden und dem Gemeinwohl „einschließlich Shakespeare“ wäre gedient – leider dem OB und seinem Theaterverein nicht, wo anscheinend mehr auf eine kommerzielle Vermarktung mit Gewinn-Interesse als auf ein angepasstes Bürger-Theater hingearbeitet wird.
Herr Pelgrim, wir brauchen kein Marketing-Konzept für die Haller Kulturlandschaft! Sie tun nicht gut daran, wenn Sie in Ihrer befangenen Rolle, auch als „Theater-Bauherr“, weiterhin uneinsichtig und stur dem offenen Dialog mit Bürgerschaft und Gemeinderat aus dem Weg gehen. In einer echten Demokratie sollen nämlich nicht – obwohl beharrlich propagiert – ständiges Wachstum und übersteigerte Repräsentanz von Personen und Vereinen Vorrang haben, sondern Gemeinwohl und konstruktive Bürgerbeteiligung.

Übrigens ist es mit Ihrem „Entschuldigung“ für den Deal MSP nicht getan. Nur Gemeinderat und Öffentlichkeit können Sie entschuldigen, nicht Sie selbst

1 Kommentar

  1. In vielen Gremien, die sich aus gewahlten Personen zusammensetzen, darf ein Mitglied an Beratungen und Abstimmungen zu einem Thema nicht teilnehmen, wenn es dabei als „befangen“ beurteilt worden ist, das hei?

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