Zwischenruf: „Ökonomie vor Kultur – ein Leserbrief.“

Der folgende Leserbrief von Markus Stettner-Ruff erreichte uns am 10.12.2017 per Mail. Wir veröffentlichen ihn hiermit nach Rücksprache im vollen Wortlaut:

Leserbrief zur Stadtplanung in Schwäbisch Hall

Seit 1978 bin ich Bürger dieser Stadt. Einer Stadt die ich lieb(t)e wegen ihrer ruhigen Lebendigkeit und ihrer lebendigen Ruhe. Diese sich steigernde Polarität fand ihren Ausdruck in der Balance zwischen Altem und Neuem, Kultur und Wirtschaft, Natur und Technik und einer selbstbewussten, eigeninitiativen Bürgerschaft. Es galt in der Tendenz das Prinzip Qualität vor Quantität, Individualität vor Masse. Die Kommunalpolitik diente primär dem Wohl des sozialen und kulturellen Gemeinwesens. Das kulturelle und politische Leben war lebendig und „jung“, weil viele Initiativen, Gruppen und Vereine sich ehrenamtlich engagierten. Getragen vom Bewusstsein der politisch Verantwortlichen, dass eine Kleinstadt, zu weit entfernt von den Metropolen um von diesen zu partizipieren, nur dann ein lebendiges Kulturleben besitzt, wenn die BürgerInnen selber aktiv werden. Das setzt voraus, dass diese in ihrem Engagement für das Wohl der MitbürgerInnen entsprechend von der Kommune unterstützt werden. Sicher war nicht alles Gold was glänzt, aber die Gesamtatmosphäre war eine andere als heute.

Schleichend veränderte sich der Schwerpunkt der Kommunalpolitik in den letzten Jahren. Jetzt galt immer häufiger Quantität vor Qualität. Das Originelle, Kleine, Feine, das diese lebendige Kleinstadt ausgezeichnet hat, musste an vielen Stellen dem Primat des quantitativen, ökonomischen Wachstums weichen. Bilder dafür sind die Einkaufzentren im Osten und Westen und schließlich im Gefängnisareal mit dem Tod des Einzelhandels in der Innenstadt. Sicher, ein gesamtgesellschaftlicher Prozess der nicht nur in Schwäbisch Hall statt fand, aber gegen den sich Stadtverwaltung und Bürgerschaft zu Zeiten von Binder und Brückner noch wehrten. Jetzt wurde er begrüßt und gar forciert.

Einher ging dieser Prozess mit der Ökonomisierung der städtischen Sozial- und Kulturpolitik. Die Event-Kultur zum Anlocken von Touristen erhielt eine immer größere Bedeutung. Das Primat der Wirtschaft in der Stadtentwicklung erhielt den Vorzug vor sozialen, kulturellen und ökologischen Erfordernissen. Deutlich zeigte dies sich in der Veränderung der Schwerpunktsetzung an der Verwaltungsspitze. Die Bürgermeisterstelle für Soziales und Kultur wurde abgeschafft – die Aufgaben übernahm OB Pelgrim – und ein Stadtplaner wurde Bürgermeister.

An drei aktuellen Beispielen will ich diese Entwicklung charakterisieren:

– Die Verlegung des Weihnachtsmarktes auf den Marktplatz:

Dieser einzigartiger Platz wurde seiner wahren Identität beraubt, dem Mammon und der Vergnügungssucht der Menschen geopfert. Vollgestopft mit Verkaufsständen und Ess- und Trinkbuden und dem entsprechenden Lärm – die Veranstalter nennen es Weihnachtsmarkt – um möglichst viele Kurzzeit- und Ausflugstouristen anzulocken.  Und das in einer Zeit, in der wir Menschen uns eigentlich nach Räumen der Stille, des Ausatmens und Innehaltens sehnen, dem eigentlichen Sinn des Weihnachtsfestes. Das hat Folgen für uns BürgerInnen: Uns fehlt dieser leere Platz zum Ausatmen. Dagegen wird „unser“ Markt, der Wochenmarkt, in dieser Zeit von seinem Platz vertrieben. Die kulturellen Aktivitäten in Sankt Michael, in dieser stillen, „heiligen“ Zeit, werden beeinträchtigt oder gar verhindert. Wegen des Weihnachtsmarktes findet z.B. kein musikalischer Adventskalender mehr statt und die Stunde der Kirchenmusik oder andere Konzerte werden durch den in die Kirche dringenden „Weihnachtslärm“ immer wieder gestört.

– Die Überbauung der Weilerwiese mit zwei Dienstleistungszentren bzw. einem Hotel:

Auf Kosten von einem einfachen, natürlichen Spiel- und Begegnungsraum, vor allem für Kinder und Jugendliche, wurde dieser Bereich auf demokratisch zweifelhafte Weise, einer neuen Nutzung zugeführt. Der innenstadtnahe Bolzplatz mit zwei Toren und ein paar Sitzbänke war der Treffpunkt einer ganzen Generation Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen dieser Stadt. Jedem der die neuen

Ersatz-Spielmöglichkeiten mit etwas Abstand betrachtet und sie mit dem alten Bolzplatz vergleicht, springt der oben aufgezeigte Unterschied der sozialen und kulturellen Atmosphäre der Stadt ins Auge und von dort ins Herz.

– Der Bau des neuen Globe-Theaters auf dem Unterwörth verbunden mit dem Bau der neuen Lindachbrücke:

Der Bau dieser befahrbaren Brücke ist das eindeutigste Symbol für zwei grundsätzlich unterschiedliche Visionen der Zukunft unserer Stadt: Wirtschaftliche Aktivität mit motorisierter Mobilität um jeden Preis und zu fast jedem Ort der Stadt oder Pole und Räume der Leere, der Stille, des scheinbaren „Nichts“, der wirtschaftlichen Zweckfreiheit, der unmittelbaren, menschlichen Begegnung und Kommunikation – besonders mit und in der Natur.

Durch diese befahrbare Brücke wird die einzigartige Parkoase, ein errungenes Haller Natur-Kulturerbe, nach und nach zerstört, das ist klar und sollte von den BefürworterInnen und PlanerInnen, wenn sie aufrichtig sind, auch eingeräumt werden. Die Kinder spielen schon jetzt hinter großen Zäunen, neben den vorbeifahrenden Bau- und Versorgungstransportern, dem danach der Lieferverkehr folgt. Die Natur, vor allem die alten Bäume dort, werden gnadenlos attackiert und einige fallen über kurz oder lang ganz der Durchfahrt zum Opfer. Diese Zufahrt auf den Unterwörth wird zusätzlichen Verkehr anziehen, zumal es weiterführende Stadtplanungsphantasien gibt, den Zulieferverkehr in die Stadt in Teilen zukünftig über diese Brücke, den Unterwörth und den Steinernen Steg zu führen.

Der überdimensionierte Bau am völlig falschen Ort der Stadt, fordert aber nicht nur für den Natur- und Erholungsraum von uns BürgerInnen seinen Tribut, sondern auch für die Kunst und Kultur der Stadt. Der Kostendruck für die Freilichtspiele und ihr künstlerisches Programm wird immens steigen und damit verbunden sind zwei unmittelbare Folgen. Das Programm der Freilichtspiele wird noch stärker popularisiert, sprich dem Massengeschmack angeglichen, um die vielen freien Plätze mit noch mehr TouristInnen zu füllen. Die „Spiele“ sind schon lange keine wirklichen „Spiele“ im Sinne einer freien Kunst mehr oder nur noch zu wenigen, glücklichen Momenten, sondern immer häufiger Massenbespaßungsveranstaltungen, um die benötigten Besucherzahlen zu erreichen. Dieser Trend wird und muss sich ob des geschaffenen Finanzdrucks verstärken.

Und die Kleinkunst in der Stadt, mit ihren vielen Kulturinitiativen wird darunter leiden, weil das schon jetzt vorhandene Überangebot noch weiter zunehmen wird und auf Grund des Kostendrucks die städtischen Zuschüsse, aber auch die Unterstützung der Sponsoren, sich stärker auf die Mainstreamkultur konzentrieren wird, ja muss.

Dies wird, wie beim Einzelhandel, zur Folge haben, dass viele aktive BürgerInnen sich resigniert zurückziehen werden bzw. müssen und wir zusehends eine austauschbare, öde, kommerziell geprägte und gesteuerte Kulturlandschaft erhalten.

Eine zukunftsorientierte, ethische, soziale, freie, und unabhängige Stadtplanung für das Wohl der  BürgerInnen dieser Kommune sieht anders aus.

Markus Stettner-Ruff

Über Sven Haustein 34 Artikel
selbständiger freier Architekt in Schwäbisch Hall, vielseitig ehrenamtlich engagiert z.B. beim gemeinschafltichen Bauen in Schwäbisch Hall, bei Hall Aktiv, im Carsharing-Verein "teilAuto Hall e.V.", Haus & Grund, der Architektenkammergruppe und dem Bürgerforum.

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